Schüler*innen erinnern an Zwangsarbeit


„Die Würde des Menschen ist (un)antastbar“

 

„Unser Ziel ist es, 7 Steinstelen an den jetzt ‚erinnerten Orten‘ aufzustellen, die durch einen WEG der WÜRDE miteinander verbunden sind. Die Orte sind ehemalige Arbeitslager der NS-Zeit, in denen die Würde von Menschen durch Zwangsarbeit verletzt wurde. Die Erinnerungsstelen laden den Betrachter dazu ein, der Würde des Menschen gerade an diesen Orten nachzuspüren. Wir hoffen mit dem WEG der WÜRDE durch Biesenthal die Menschen vor Ort anzuregen, sich mit der Erinnerung an die Vergangenheit einen freieren Blick auf die Zukunft zu eröffnen und den Kindern einen offenen Raum für ihre eigene Entwicklung zu ermöglichen.“

wild frei grün e.V.

 

In diesem Projekt beschäftigen sich Schüler*innen der Sekundarstufe I der Freien Naturschule Barnim mit Menschenrechtsverletzungen im Nationalsozialismus.

Sie erarbeiten diese Thematik anhand der eigenen Ortsgeschichte in Biesenthal. Im Rahmen des Unterrichts interessiert sie im Besonderen, mehr über ihren Schulstandort, einen ehemaligen Bauernhof, zu erfahren. Schnell wird klar, dass während des 2. Weltkriegs auf fast allen Bauernhöfen Zwangsarbeiter*innen eingesetzt wurden. Dabei entdecken die Schüler*innen auch, dass das Thema Zwangsarbeit nicht nur hier aus dem Blickfeld der Erinnerungskultur verschwunden ist. Es finden sich so gut wie nie Erinnerungstafeln o.ä. an den direkten Orten der ehemaligen Lager.

Neele, Luca und Marcel beginnen sich mit dem Thema Zwangsarbeit auseinanderzusetzen. Zwei Jahre lang erforschen die Schüler*innen zusammen mit ihrer Lernbegleiterin Jana Rieger die Ortsgeschichte. Sie unternehmen Interviewreisen durch die eigene Stadt und befragen Menschen zur Geschichte der Zwangsarbeit in Biesenthal. Große Unterstützung erhalten sie von der Biesenthaler Ortschronistin Gertrud Poppe, die ihnen Zugang zu ihrem persönlichen Archiv gewährt, sowie von der Biesenthaler Dokumentarfilmerin Christine Lamberty.

Die Schüler*innen entdecken, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft in Biesenthal arbeiten mussten: KZ-Häftlinge eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen, tschechische und polnische Zivilarbeiter, französische, holländische, serbische und belgische Kriegsgefangene und sog. italienische Militärinternierte (IMI) wurden in Biesenthal zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie, in der Landwirtschaft und auf mehreren Bauernhöfen eingesetzt. Die Schülergruppe sucht nach ehemaligen Zwangsarbeiter*innen und versucht, das ehemalige Außenlager des KZ Sachsenhausen in Biesenthal zu lokalisieren. Dabei entdecken die Schüler*innen außerdem den stillen Helden Adrianus Millenaar, einen niederländischen Diplomaten, der von 1942-45 in Biesenthal lebte und einige Verfolgte retten konnte.

Die Ortschronistin Gertrud Poppe beschreibt im Biesenthaler Amtsblatt vom April 1995 eine weitere Gruppe von Zwangsarbeiter*innen in Biesenthal. Sie kamen aus den osteuropäischen Ländern, sogenannte „Ostarbeiter*innen“. Z.B. waren ukrainische Mädchen bei Razzien in das Deutsche Reich deportiert und auch in Biesenthaler Haushalten oder in der Landwirtschaft eingesetzt worden. Man konnte sie an dem blau-weißen Stoffabzeichen „OST“ erkennen. An sie soll an dieser Stelle ebenfalls würdevoll erinnert werden.

 

Kooperation mit der tschechischen Gesellschaft Živá pamĕť

Durch den Hinweis von Mitarbeiter*innen der Berliner Geschichtswerkstatt entsteht ein erster Kontakt zu der Historikerin Dr. Šárka Jarská von der tschechischen Gesellschaft  Živá pamĕť  (Deutsch: Lebendige Erinnerung). In den Archiven des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds findet Živá pamĕť  95 Namen von tschechischen Zwangsarbeitern, die in Biesenthal eingesetzt waren. Es entwickelt sich eine Projektkooperation mit dem Schulträgerverein wild frei grün e.V. .

     

Gespräche mit tschechischen Zeitzeugen

Zwei tschechische Zeitzeugen, Herr Pravoslav Dočkal (95, Jg. 1923) und Herr Oldřich Náhunek (93 Jahre Jg. 1925, verstorben Februar 2019), erklären sich auf Anfrage zu einem Interview bereit, das Živá pamĕť vor Ort in Tschechien führt. Originaldokumente und Fotos werden den Schüler*innen für ihre Recherchearbeit zur Verfügung gestellt.
Der entstehende Schüler*innenfilm „Die Würde des Menschen – Erinnern an Zwangsarbeit in Biesenthal“ lässt tschechischen Zeitzeugen und Menschen aus Biesenthal zu Wort kommen und besucht die Orte der ehemaligen Zwangsarbeitslager.


Die Filmpremiere findet im Biesenthaler Kulturbahnhof  statt.

Beide Filme finden Sie in unserer Videogalerie.

LandArtSommercamp mit der Waldorfschule Semily

In Kooperation mit der tschechischen Freien Waldorfschule Semily und dank der Unterstützung der Bildhauerin Iveta Sadecká (Tschechien) und des Künstlers und Bildhauers Wolfgang Schneider (Deutschland) findet auf dem Projektehof Wukania in Biesenthal ein „LandArt-Sommercamp“ statt. Ein besonderer Dank gebührt den tschechischen Schüler*innen Lea Murbach, Zuzana Homolková, Ondřej Trojan, Klára Nesládková, Natálie Mateková und ihrem Geschichtslehrer Petr Stříbrný für ihr Engagement bei der Umsetzung der Erinnerungsstelen.
Und natürlich danken wir für ihre ehrenamtliche Unterstützung im Camp: Corinne Douarre vom Brassens-Festival, dem Dramaturgen & Musiker Dieter Kraft, Urša Vidic, Osama Kzzo, der Klangkünstlerin Ute Goldmann, Annette Frederking und der Musikerin Merle Weißbach.


Sieben Stelen für den WEG der WÜRDE

Ziel ist es, 7 Erinnerungsstelen für Biesenthal in einem gemeinsamen Werkprozess mit den jugendlichen Laien zu entwerfen und gemeinsam zu meißeln.  Die Resonanz des Projekts – vor allem der Werkwoche – zeigte sich durch die vielen interessierten Besucher*innen und ihre Nachfragen. Unser besonderer Dank gilt den Biesenthalern Lena Bonsiepen, Uwe Bruchmann und Carsten Bruch für ihre Begleitung und Unterstützung des Projekts.

Jana Rieger & Bürgermeister Carsten Bruch, Schirmherr des Projekts
Natálie Mateková im Gespräch mit MOZ-Redakteur Frank Schröder

Das Flächendenkmal für das Außenlager vom KZ Sachsenhausen

Durch zwei Artikel  in der MOZ , „Erinnerung an Zwangsarbeit“ am 10.4.2019 und „Stelen als Mahnung für die Zukunft“ am 29.6.2019, werden die Veranstalter des Jugendforums denk!mal auf das Projekt aufmerksam. Die Jugendlichen werden in das Berliner Abgeordnetenhaus eingeladen, um im Januar 2020 ihr Projekt mit einem Stand zu präsentieren. Dort stellen sie vor allem ihre Forschungsarbeit zum ehemaligen Außenlager des KZ Sachsenhausen am Hellmühler Weg vor. Dank der Unterstützung von Herrn Dr. Thomas Kersting vom Brandenburger Landesdenkmalamt ist es den Schüler*innen gelungen, den genauen Standort des KZ-Außenlagers ausfindig zu machen. Er ist nun als Brandenburgisches Flächendenkmal eingetragen.

 

Fundstücke: Original-Essgeschirr
ehemalige Lagerstraße
möglicherweise die ehemalige Lagerstrasse
Aktenordner der Lagerverwaltung
Überreste der Ringaktenordner der Lagerverwaltung

 

Ein Flyer mit dem Titel „Zukunft durch Erinnerung – WEG der WÜRDE durch Biesenthal“ wird zukünftig im Tourismusbüro zu finden sein. Er wird Ausflugstouristen sowie Einheimischen einen Einblick in dieses Projekt ermöglichen.

Bei unseren Kooperationspartner*innen, Förder*innen und Unterstützer*innen bedanken wir uns ganz herzlich. Ohne Euren Beitrag wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.
Wir laden Euch ein, mit uns gemeinsam ein Stück des WEG’s der Würde durch Biesenthal zu entdecken.

 

Wir sind Teil des Projekts „Zeitensprünge“ .
Das Jugendprogramm „Zeitensprünge“ ist ein Programm des Landesjugendring Brandenburg e.V. und wird vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg gefördert.

Gefördert wurde das Projekt von: