Steinstele 2: Erinnerung ist die Liebe zur Zukunft

 

gewidmet den polnischen Zwangsarbeiter*innen auf Biesenthaler Bauernhöfen


Thema des Zeichens:

Die Steinstele steht stellvertretend für die Bauernhöfe in Biesenthal, auf denen während des 2. Weltkrieges Frauen, Männer und ganze Familien als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt wurden. Sie lebten mitten unter uns und doch wurde darüber kollektiv in ganz Deutschland geschwiegen. Das Schicksal vieler junger polnischer Zwangsarbeiter*innen, die im Deutschen Reichsgebiet zur Arbeit gezwungen wurden, möchten wir damit in Erinnerung rufen. Die Schüler*innen der Sek.I der Freien Naturschule Barnim haben Ihnen diese Steinstele gewidmet.

Als wir auf unserem Schulgelände in der Grünstr. begannen, das damals Geschehene wahrzunehmen, um erste Ideen für das Erinnerungszeichen zu entwickeln, spürten wir wie eine Erstarrung in uns. Als wenn das Erinnern von uns ein liebevolles Hinsehen auf nicht Getanes abverlangte und die Trauer der „Nichtgehörten“ endlich gesehen werden wollte. Der persönliche Bericht der Zeitzeugin Apolonia S. hat uns ermöglicht zu verstehen, was damals geschehen ist. Wir danken ihr von Herzen, dass sie bereit war ihre Geschichte auszusprechen und wir sie jetzt lesen konnten.

Als wir hinunter zum Fließ liefen, war vor allem die starke Sehnsucht der jungen polnischen Zwangsarbeiter*innen zu spüren, wieder in Richtung Osten über die Oder in die Heimat aufzubrechen.

VIDEOCLIP

Quelle: MOZ 29.6.2019

Historischer Ort: Biesenthaler Bauernhöfe

Erinnerungen von Apolonia S.
verschleppt im Februar 1941, Alter zur Zeit der Verschleppung: 18 Jahre.

Als ich morgens ausging, gab es eine Straßenrazzia. Auch ich wurde gefangen. Mit der ganzen Gruppe wurde ich nach Poznań abtransportiert. Dort gab es eine Sammelstelle. Man führte eine ärztliche Selektion durch, die sehr unangenehm und brutal war. Dann schickte man uns in eine Baracke, in der die Polen auf den Transport nach Deutschland warteten. […]
Die Arbeit war sehr schwer. Ein Vorarbeiter verteilte und beaufsichtigte die Arbeit. Wir arbeiteten 12 Stunden täglich, und im Winter 10 Stunden: Da war das Getreidedreschen in der Scheune und andere Arbeiten auf dem Hof. Sonntags arbeiteten wir 6 Stunden. […] In der Stube waren vier Personen. Es gab keine Arbeitskleidung zum Wechseln. Wir trugen Holzschuhe. Wurden die Kleider nass vom Regen, so trockneten sie auf unseren Leibern. [….] Die Arbeit begannen wir um 5 Uhr früh. Uns war es verboten, uns vom Wohnort zu entfernen. Der Buchstabe „P“ musste stets angenäht bleiben. Mit uns arbeiteten auch russische Sklaven und Italiener.
1943 wurde ich nach Berlin abtransportiert. Ich arbeitete dort in der Eisenbahnfirma „Berner“ als Putzfrau. Ich wohnte im Stadtbezirk Biesenthal, unweit vom Bahnhof. Der Arbeitstag dauerte acht Stunden. Mit uns wohnten auch Ausländer zusammen. Die Arbeit war leichter, dafür aber der Hunger größer. Die Lebensmittelzuteilungen für die Polen waren sehr klein. Trieb ich Kartoffeln auf, so tat es mir leid, sie zu schälen. Man hungerte. In der Nacht konnten wir nicht schlafen. Die Flugzeuggeschwader bombardierten manchmal dreimal in einer Nacht. Wir waren verpflichtet, in den Bunker zu fliehen. Und auch zweimal täglich. Die Luftalarme und Luftangriffe bewirkten, dass wir fast wahnsinnig und völlig erschöpft waren. […] Jeden Tag wurde es schlimmer. Die Offensive näherte sich von der Oder her. Am 18. April bombardierten zusätzlich die russischen Flugzeuge. Man hörte die Front immer näher. Die Deutschen aus der Odergegend fuhren Tag und Nacht in die amerikanischen Gebiete. Die Front war immer näher. Die Evakuierung kam, aber wir saßen im Bunker und wollten uns nicht dem Beschuss aussetzen. […] So warteten wir ab, bis die Front nach Biesenthal gelangte. Zu uns kamen die Polen von der sowjetischen Kommandantur. Dann passierte auch ein Unfall: Zwei Personenzüge prallten aufeinander. Es war schrecklich, sich die massakrierten Leichen und das Schicksal der Überlebenden und Umgekommenen anzusehen.
Wir warteten die Kapitulation nicht ab, sondern verließen Berlin zu Fuß, da es keine Transportmittel gab. Die Erde war von der Stalinorgel und den Minen festgestampft. Die Stadt war menschenleer, wie ausgestorben. Nur die Front bewegte sich Richtung Stadtmitte. Unterwegs hatten wir verschiedene Erlebnisse. So gelangten wir an die Oder. Weiter konnte man mit einem Güterzug fahren. Am 6. Mai waren wir schon in Poznań. […]“

Quelle: ©Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit / Slg. Berliner Geschichtswerkstatt

Aus dem Biesenthaler Amtsblatt
„1939 Ende September/ Anfang Oktober wurden kriegsgefangene polnische Soldaten nach Biesenthal gebracht. Sie waren in einer Sammelunterkunft für die Nacht untergebracht, arbeiteten aber einzeln ohne Bewachung am Tage bei den Bauern als Zwangsarbeiter als Ersatz für die zum Wehrdienst einberufenen Deutschen.“
[…]
“ Fast alle Bauern Biesenthals hatten während der Kartoffelernte 1939 die uniformierten Zwangsarbeiter auf ihren Feldern. […] Ab 1940 kamen infolge Anwerbung und Zwangsrekrutierung über 200.000 Polen als „Land- und Industriearbeiter“ nach Deutschland. In diesen Jahren waren polnische Frauen und Männer auch als „Landarbeiter“ / Zwangsarbeiter*innen in Biesenthal und Umgebung beschäftigt und wohnten bei den jeweiligen Bauern.“
Ab 1940 – 45 […] galten für die Ausländer deklassierende Verhaltensvorschriften. Zudem mussten sie an ihrer Kleidung ein gelb-lila Stoffabzeichen mit einem „P“ tragen. Entsprechend ihres katholischen Glaubens wurden die Polen vom Pfarrer der Katholischen Kirche betreut. Das waren für Biesenthal und Umgebung 40 bis 100 Menschen bei gesonderten Gottesdiensten.“
Quelle: Gertrud Poppe: Biesenthaler Amtsblatt, Serie: Biesenthal vor 50 Jahren,  April & Juli 1995, S.20, S21.

 


Standort der Steinstele:

ehemalige Bauernhöfe im alten Stadtkern Biesenthals, stellvertretend Grünstr. 11