Steinstele 1: Stiller Held, der eigenen Herzensweisheit folgen

 

gewidmet Adrianus Millenaar

 


Thema des Zeichens:
Klára Nesládková, Schülerin aus Tschechien, gestaltete dieses Zeichen für die Steinstele für Adrianus Millenaar.

In Tschechien entwarf Klára Nesládková schon eine kleine Skulptur, die sie dann als Relief auf die Steinstele übertragen hat.
Für Klára war es die Frage: Wie kann ich geistesgegenwärtig, innerlich beweglich und handlungsfähig bleiben unter den schwierigen Umständen während der Zeit des Nationalsozialismus, in die Adrianus Millenaar als Assistent der niederländischen Botschaft unter schwedischer Schutzmacht gestellt war. Er tat als „stiller Held“ das Notwendige, um das Leben von Menschen zu retten. Diese Möglichkeit des stillen Handelns unter einer menschenverachtenden Regierung hat sie zu diesem Entwurf inspiriert. Die Neue Mühle war einerseits Rückzugsort für die Familie Millenaar und gleichzeitig Ort eines in die Zukunft weisenden menschenwürdigen solidarischen Handelns.

Nach der Fertigstellung erklärte Klára die Wirkung des Steines: „There you can see 7 rounds and there are 7 stones. These stone and this sign connect all these 7 stones and connect the people here. It is like a gate to the city Biesenthal and to the heart in the center. It is made to the Golden cut, logarithms spiral, you can see. I hope to be able to honor Adrianus Millenaar with it.“

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Historischer Ort: Neue Mühle

„Nach dem Balkanfeldzug im Jahre 1941 wurde auf der Neuen Mühle (am Ende der Schützenstr./ Plottke-Allee) ein Lager für gefangene Serben eingerichtet. Offiziere und Soldaten gingen ohne Bewachung durch den Ort zu Arbeitsstellen oder in Geschäfte. Sie durften aber nicht auf dem Bürgersteig gehen, sondern nur am Straßenrand.“
Quelle: Gertrud Poppe: Biesenthaler Amtsblatt, Juli 1995. Serien: Biesenthal von 50 Jahren, S.20.
In der Neuen Mühle waren neben serbischen auch holländische und belgische Zwangsarbeiter*innen untergebracht.

Adrianus Millenaar (1899 – 1981)

Adrianus Millenaar mit seinen Kindern Adriana und Bastiaan im Nestorpark in Berlin, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Neue Mühle, Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Neue Mühle Biesenthal
Neue Mühle, Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Neue Mühle, Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Adrianus Millenaar mit Sohn Bastian Millenaar, Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
v.l.n.r. Adriana, Mutter Helene Maria Josefine Korsten-Millenaar, Großmutter Helene Korsten mit Baby Hendrik Gysbert (geb. 18.1.1944), Bastiaan in Biesenthal 1944, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat

Die Familie Millenaar wohnte von 1942 – 45 in der Neuen Mühle in Biesenthal. In dieser Zeit war Adrianus Millenaar Assistent der holländischen Botschaft unter schwedischer Schutzmacht unter der Regierung Hitler – später in der Stellung des Generalkonsuls (ernannt 14.5.1940). Viele Auskunftsanfragen und Unterstützungsbitten für in deutschen KZs und Gefängnissen inhaftierte Niederländer wurden an ihn herangetragen. Er bemühte sich, die Adressen der Niederländer ausfindig zu machen, und verhandelte oft hinter den Kulissen mit der Gestapo und den deutschen Behörden. Er leitete die Namen über die Schwedische Gesandtschaft an das Internationale Rote Kreuz weiter, damit Pakete verschickt werden konnten. Oft wurden auch Menschen kurzzeitig in der Neuen Mühle aufgenommen, um sie wieder zu Kräften zu bringen.

Die Tochter Adriana Millenaar Brown schrieb uns in einem Brief im April 2020: „Aus der Zeit in Biesenthal gibt es kaum Fotos von meinem Vater. Er hat sich wahrscheinlich decken wollen in Bezug auf seine Arbeit.“

Hier Adrianas Erinnerungen, veröffentlicht im Niederbarnim Echo, 1999:
„1942 sind wir nach Biesenthal umgezogen und wohnten auf einem holländischen Gut. Freule Wttewael von Stoetwegen hat meinem Vater die Neue Mühle angeboten. Dort versuchten wir, dem Fliegeralarm zu entkommen. Soweit ich wusste, ging mein Vater immer ins „Büro“, oft brachte er „Gäste“ mit. Diese sprachen immer Niederländisch.
[…] Aber auch sie flüsterten und das Geflüster wurde immer schlimmer, je älter ich wurde. Und als der Sommer kam und die Mohnblumen so schön rot aussahen, die Margeriten weiß und die Kornblumen blau wie der Himmel,  sah ich ganz plötzlich Schrecken auf dem Gesicht meines Vaters und meiner Mutter…] Erst neulich wurde mir deutlich, dass mein Vater zum Staatsfeind Nr. Eins erklärt worden war. Er half den Holländern, den Juden, den Gefangenen, den Zwangsarbeitern zu sehr. Sollte er noch ein einziges Mal wagen, sich an irgendeine Gestapo Instanz zu wenden, um nach dem Verfahren eines Holländers zu fragen, dann war Schluss. Aus. Mir schien von diesem Sommer an, als ob meine Eltern jetzt schwiegen. Immer nur schwiegen. […] Inzwischen besuchten uns mehr und mehr fremde Männer, die leise holländisch sprachen. Die in dunklen Trainingshosen bei uns schnell hereingelassen wurden. Wir Kinder wurden dann von allen Erwachsenen mit dem Zeigefinger auf den Lippen weggewinkt. ‚Seid still Kinder, nichts sagen, geht aber weiter spielen.‘[…] Mein Vater musste immer ins „Büro“. Ich hörte dann Oranienburg oder Sachsenhausen, auch der Klinker, Alex, Buchenwald und andere Namen, die ich damals nicht verstand. Ich war sechs oder sieben Jahre alt.“
Quelle: Niederbarnim Echo: Gertrud Poppe, Rudi Schinkel: Die Tochter des Diplomaten erinnert sich – FLÜSTERN, Reihe Biesenthals Neue Mühle (10), März 1999 von Adriana Millenaar Brown, aufgeschrieben April 1996, Willimastown, USA

Leni und Adrianus Millenaar, Neue Mühle Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Adrianus Millenaar bei der Gartenarbeit in Biesenthal, (1944) Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Adrianus Millenaar bei der Gartenarbeit in Biesenthal, Quelle: Adriana Millenaar Brown, privat
Das Buch über ihren Vater: An Unlikely Hero, Adrianus Millenaar, Dutch Farmer turned Diplomat in World War II Europe, ShiresPress 2015, von Adriana Millenaar Brown

Befragung von Adrianus Millenaar in der Enquete Komission
5. OKTOBER 1948
Frage: Wie haben die Leute die Adressen bekommen?
Adrianus Millenaar: “ Sie wurden uns von Verwandten oder Bekannten gemeldet. Solange der Postverkehr aufrechterhalten wurde, schrieben die Familienmitglieder nach Berlin. Aus den Gefängnissen und Konzentrationslagern wurde auch geschrieben, wenn jemand freigelassen wurde. Von dem Moment an, als wir die Daten besaßen, begannen wir, an das deutsche Außenministerium in Berlin zu schreiben. Wenn die Daten ein wenig darauf hindeuteten, dass sich die betroffene Person in einem Konzentrationslager befand, sendeten wir quasi zehn Mark. Wenn der Inhaftierte nicht da war, kam das Geld zurück. In diesem Zusammenhang wurde mir vorgeworfen, dass ich den Leuten zehn Mark geschickt habe, während sie nicht da waren, und dass ich manchmal ein Paket geschickt habe, während die betreffende Person nicht da war. Es war jedoch nur ein Suchen und Fühlen. Mit zehn Mark fanden wir heraus, ob er da war, ja oder nein. Wenn er nicht da war, kam er mit dem Kommentar zurück: „Inhaftierter verstorben“, „Inhaftierter nicht mehr da“ oder „Inhaftierter verzogen“.

„Nach und nach erfuhren wir viele Namen, weil die Leute in Sachsenhausen in Kontakt mit Landsleuten gekommen waren, die schon länger dort waren und ihnen den Tipp gaben: „Schreiben Sie einen Brief an Herrn Millenaar.“ Ich habe Notizen von Dutzenden Landsleuten mit „Lieber Jack“ oder „Lieber Freund“ bekommen.“…]

„Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es ab Januar 1944 an jedem Schalter der Gestapo und der Polizei in Berlin ein Rundschreiben gab, in dem stand, dass ich mich bei der Polizei oder dem sogenannten „Inneren“ Büro melden müsse, sollte ich verhaftet werden. Ich wurde sofort gewarnt.“
Quelle:

https://sites.google.com/site/enquetecommissieregering/datum-verhoren/adrianus-millenaar

 

Standort der Steinstele:
Plottkeallee/ Neue Mühle

5. Mai 2020 Aufstellung; v.l.n.r. Bürgermeister Carsten Bruch, Schülerin Neele Reiter, Künstler Wolfgang Schneider

 

8. Mai 2020, 75. Jahrestag der Befreiung